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Buchgeflüster

PISA 2025: Lesen ist unsere Superkraft. Warum verlieren wir sie?

von Bücherheike 13. September 2026
von Bücherheike 13. September 2026

Da ist sie wieder, die Pisa-Studie

Und mit ihr der große Aufschrei. Deutschland kann nicht lesen! Die Reihenfolge ist immer gleich. Pisa-Studie da und der Aufschrei kommt sofort. Seien wir mal ehrlich, die Pisa-Studie gibt es alle drei Jahre. Das heißt im Umkehrschluss, wir haben drei Jahre Zeit, um auf die schlechten Ergebnisse zu reagieren. Ich persönlich habe allerdings das Gefühl, nach dem große Aufschrei passiert gar nichts.

Es ist auch gar nicht so einfach das Ranking zu finden. Da stellt sich die Frage, ob die Zahlen versteckt werden sollen. Jede Menge Erklärungen, Statistiken, viel bla-bla, aber kein Ranking. Ich musste ChatGPT bemühen, um die Seiten für mich zu durchsuchen und was hat er gefunden? Platz 24 …

In Deutschland erreichen nur 68 % der 15-jährigen mindestens Lesekompetenzstufe 2. Erschreckend. Das bedeutet, knapp 1/3 der Jugendlichen in Deutschland erreichen die von PISA definierte Mindestkompetenzstufe 2 nicht. Was ist passiert? Lesen ist doch unsere Superkraft. Warum fehlt sie dann so vielen? Schauen wir doch mal etwas nach oben. Mit den ersten Plätzen halte ich mich nicht weiter auf. Die werden komplett von asiatischen Ländern eingenommen. Nehmen wir uns als Beispiel doch einfach Estland. Das liegt nahe bei uns.

Was machen die Esten anders?

Erstmal gibt es schon einen großen Unterschied. Deutschland liegt auf Platz 24 und Estland … Auf Platz 8, wenn wir hier mal bei der Lesekompetenz bleiben. Dort erreichen 83% der 15-jährigen mindestens Lesekompetenzstufe 2. 83% gegen 68%. Der Unterschied scheint auf den ersten Blick gar nicht so groß, aber 83 ist näher an 100 als 68. Viel näher. Und sollte unser Ziel nicht die 100 sein? Wie toll wäre es doch wenn wir sagen könnten: 100 aller 15-jährigen haben mindestens Lesekompetenzstufe 2. Ein Traum, oder?

Wie lernen estnische Kinder lesen? Welche Rolle spielen Elternhaus, Kita und Grundschule? Wie wird mit schwächeren Lesern umgegangen? Welche Bedeutung haben Schulbibliotheken und öffentliche Bibliotheken? Was lesen Kinder im Unterricht? Wie viel wird tatsächlich gelesen?

Aber auch Estland ist kein Wunderland. Die Leseleistung ist gegenüber 2022 gesunken, und gegenüber 2015 ist der Anteil der Jugendlichen unter Kompetenzstufe 2 um sechs Prozentpunkte gestiegen. Das ist also kein deutsches Problem, auch kein europäisches. Es ist ein weltweites Problem.

Also: Warum werden Jugendliche international schlechter im Lesen und warum gelingt es einigen Ländern besser, diesen Absturz abzufedern?

Wie lernen Kinder in Estland lesen?

Auf der Suche nach der estnischen Wunderformel für gute Leser bin ich erst einmal enttäuscht worden. Denn die eine besondere Methode, mit der Estland seinen Kindern das Lesen beibringt, gibt es offenbar gar nicht. Interessanter ist, was rund um das Lesen passiert.

Schon der nationale Lehrplan macht deutlich, dass Lesen nicht nur bedeutet, einen Text fehlerfrei vorlesen zu können. Kinder sollen unterschiedliche literarische und informative Texte lesen, verstehen und unterscheiden können. Gleichzeitig sollen sie lernen, selbstständig zu arbeiten, Informationen zu beschaffen und das Gelernte in unterschiedlichen Situationen anzuwenden. Der Schüler wird dabei ausdrücklich als aktiver Teilnehmer am eigenen Lernprozess verstanden.

Und noch etwas fällt auf: Unterricht soll sich an den unterschiedlichen Fähigkeiten der Kinder orientieren. Im estnischen Lehrplan sind ausdrücklich differenzierte Aufgaben vorgesehen, deren Inhalt und Schwierigkeitsgrad an das einzelne Kind angepasst werden können. Moderne Unterrichtsmethoden, unterschiedliche Texte, Audio- und Bildmaterial, Gruppenarbeit oder Lernen außerhalb des Klassenzimmers gehören ebenfalls zum Konzept.

Besonders interessant finde ich aber den Umgang mit Kindern, die Schwierigkeiten haben. Lehrer sollen die Entwicklung ihrer Schüler beobachten und den Unterricht bei Bedarf anpassen. Bleibt ein Kind hinter den erwarteten Lernergebnissen zurück, sieht das estnische Schulgesetz zunächst individuelle zusätzliche Förderung durch die Lehrkraft vor. Dazu können Förderunterricht sowie Unterstützung durch Fachkräfte kommen. Reicht diese allgemeine Förderung nicht aus, kann die Unterstützung weiter verstärkt und ein individueller Lernplan erstellt werden.

Das klingt eigentlich gar nicht revolutionär. Vielleicht liegt aber genau darin ein Teil des Erfolgs: Ein Kind muss nicht erst jahrelang scheitern, bevor reagiert wird. Zumindest auf dem Papier ist vorgesehen, Lernprobleme zu erkennen, Unterricht anzupassen und zusätzliche Hilfe anzubieten.

Und dann wären da noch die Bibliotheken. Lesen findet nicht nur im Klassenzimmer statt. Ein schönes Beispiel ist das landesweite Programm „Lugemisisu“, frei übersetzt etwa „Leselust“ oder „Lesestoff“. In der Saison 2025/26 beteiligten sich 211 Bibliotheken. Das Programm richtet sich an Kinder zwischen 5 und 13 Jahren. Sie führen einen Lesepass, wählen Bücher aus und bearbeiten dazu kreative Aufgaben. Wer fünf Bücher gelesen hat, bekommt am Ende ein Diplom. (Ich glaube, es gibt etwas ähnliches, dass in den Sommerferien in unseren Bibliotheken stattfindet.) Sogar Kindergartengruppen können gemeinsam teilnehmen. Zusätzlich gibt es spielerische Literaturstunden und Angebote rund um Bücher und Gedichte.

Vielleicht ist das also ein Teil der Antwort auf meine Frage. Estland hat keine geheimnisvolle Methode erfunden, mit der plötzlich jedes Kind zum begeisterten Leser wird. Aber Lesen wird als Fähigkeit verstanden, die weit über das Entziffern von Buchstaben hinausgeht. Unterschiedliche Voraussetzungen werden berücksichtigt, Schwierigkeiten sollen früh erkannt werden und Bibliotheken werden aktiv in die Leseförderung einbezogen.

Und offensichtlich funktioniert einiges davon ziemlich gut. 83 Prozent der estnischen 15-Jährigen erreichen mindestens Lesekompetenzstufe 2. In Deutschland sind es nur 68 Prozent.

Vielleicht sollten wir also weniger darüber diskutieren, warum Kinder nicht lesen wollen, und häufiger darüber, was wir tun, wenn ein Kind nicht gut lesen kann.

Wir machen doch bereits einiges davon. Warum reicht es dann nicht?

Wie sieht es denn bei uns aus?

Natürlich wollte ich wissen, ob im estnischen Lehrplan nun etwas völlig anderes steht als bei uns. Also habe ich zum Vergleich einen Blick in den Rahmenlehrplan von Brandenburg geworfen. (Ich gebe zu, mit Unterstützung von ChatGPT. Das ganze war mir einfach zu trockener Stoff.) In Deutschland jedes Bundesland seine eigenen Lehrpläne, darum habe ich mich auf Brandenburg konzentriert.

Und siehe da: So gewaltig sind die Unterschiede auf dem Papier gar nicht. Auch in Brandenburg geht es beim Lesen nicht einfach darum, Buchstaben und Wörter entziffern zu können. Kinder sollen Lesefertigkeiten und Lesestrategien erwerben, unterschiedliche Texte verstehen und zunehmend selbstständig erschließen können. Auch digitale Texte gehören ausdrücklich dazu. Die Leseförderung soll sich am individuellen Lernstand orientieren und sowohl Leseflüssigkeit als auch Lesesicherheit verbessern. Für Kinder mit Leseschwierigkeiten gibt es außerdem konkrete Empfehlungen zur Förderung, von der Arbeit an grundlegenden Lesefähigkeiten bis zum gezielten Vermitteln von Lesestrategien.

Das klingt erstaunlich ähnlich wie das, was ich im estnischen Lehrplan gefunden habe. Auch dort spielen individuelle Förderung, unterschiedliche Schwierigkeitsgrade, verschiedene Textformen und selbstständiges Lernen eine wichtige Rolle.

Vielleicht liegt der entscheidende Unterschied also gar nicht im Lehrplan. Vielleicht müssen wir vielmehr fragen: Was davon kommt tatsächlich im Klassenzimmer an, wie früh werden Schwierigkeiten erkannt und wie konsequent wird anschließend gefördert?

Denn ein guter Lehrplan allein macht noch keine guten Leser.

Und bevor jetzt viele „Lehrermangel“ schreien …

Was Lehrer betrifft, hat auch Estland keineswegs ideale Bedingungen. Auch Estland hat einen erheblichen Lehrermangel und sehr große Probleme. Laut PISA 2025 besuchen 65 % der estnischen Schülerinnen und Schüler Schulen, deren Schulleitungen angeben, dass Personalmangel den Unterricht zumindest teilweise beeinträchtigt. Damit gehört Estland bei diesem Indikator sogar zu den Ländern mit besonders ausgeprägtem Personalmangel.

Und es gibt noch einen Punkt, der mich sehr überrascht hat: Die OECD berichtet, dass in Estland mehr als 15 % der Lehrkräfte im Primar- und Sekundarbereich nicht vollständig die vorgeschriebenen Qualifikationsanforderungen erfüllen. Das ist doch in Deutschland genau so, oder? Auch die Ursachen dafür kommen mir aus Deutschland ziemlich bekannt vor: hohe Arbeitsbelastung, vergleichsweise niedrige Bezahlung, geringe Attraktivität des Berufs und begrenzte Karriereperspektiven.

Abschließend, um das hier nicht in einen Artikel über Lehrpläne ausarten zu lassen: Gleiche Probleme + gleiche Lehrpläne = andere Ergebnisse. Warum?

Und dann ist da ja auch noch das Smartphone …

Um es vorwegzunehmen, Estland ist kein analoges Bildungsparadies. Laut OECD verwenden 58 % der estnischen Jugendlichen mindestens wöchentlich KI-Chatbots zum Lernen. Estland erreicht gleichzeitig 541 Punkte beim computergestützten Problemlösen und gehört damit auch dort zur internationalen Spitze.

Ist also wirklich das Smartphone schuld daran, dass Jugendliche schlechter lesen?

Vielleicht ist nicht Digitalisierung das Problem, sondern wie wir Kindern beibringen, mit digitalen Informationen umzugehen. Das Kleinkind mit dem Handy im Kinderwagen, damit es ruhig ist? Das Grundschulkind, das lieber daddelt anstatt ein Buch zu lesen? Der Jugendliche, der Bücher nicht mag, weil am Handy ja alles so viel einfacher ist? Der Erwachsene, der das an seine Kinder weitergibt, was er in Bezug auf die digitalen Medien gelernt hat?

Was bedeutet es eigentlich, nicht „ausreichend“ lesen zu können?

Kompetenzstufe 2 bedeutet bei PISA beispielsweise, die Hauptaussage eines mittellangen Textes erkennen, Informationen nach bestimmten Kriterien finden und über Zweck und Form eines Textes nachdenken zu können.

Das klingt doch eigentlich ganz einfach, oder? Ich kann das. Das habe ich in der Schule gelernt und diese Fähigkeit über die Jahre mit jedem Buch verbessert. Ich kann mich auch nicht erinnern, damit jemals Probleme gehabt zu haben. Natürlich gibt es Kinder, die damit Probleme haben. Da stellt sich für mich die Frage: Wie kann ihnen geholfen werden? Wird ihnen geholfen? Und wenn ja, warum dann dieses schlechte Ergebnis? Um es noch einmal zu wiederholen: In Deutschland kann fast jeder dritte 15-jährige nicht richtig lesen.

Dabei bedeutet „lesen können“ ja nicht nur, ein Buch zu lesen. Lesen ist auch in anderen Bereichen wichtig. Man kann noch so gut in Mathe, Physik oder Chemie sein, wenn man aber nicht versteht, was man da rechnen soll, ist das völlig unwichtig.

Und eins sollten wir nicht vergessen: Aus den Kindern, die nicht richtig lesen können, werden irgendwann Erwachsene, die es auch nicht können. Und wenn man es selbst nicht kann, wie soll man es dann seinen Kindern beibringen. Das ist ein Kreis, den wir unbedingt durchbrechen müssen.

Lesen im Jahr 2026: Was bedeutet das eigentlich?

In der PISA-Studie 2025 wird ausdrücklich hervorgehoben, dass gerade Fähigkeiten zurückgegangen sind, die im KI-Zeitalter besonders wichtig werden: Informationen bewerten, verschiedene Quellen miteinander verbinden und Gelesenes kritisch hinterfragen. Außerdem hat sich der Anteil der von der OECD so bezeichneten „hasty readers“, also Jugendlichen, die Texte hastig bearbeiten und schnell falsche Antworten geben, zwischen 2018 und 2025 fast verdoppelt.

Sind wir jetzt wieder beim Handy? Der Sündenbock für alles? Warum ist das so?

Bei uns im Buchladen kriege ich von erster Hand das Leseverhalten der Kinder mit. In unseren Schulen wurde eine tägliche 20minütige Lesezeit eingeführt. Das bedeutet, die Kinder lesen täglich 20 Minuten in einem Buch. Nicht alle im gleichen, sondern jeder in dem, dass er sich ausgesucht hat. Ich bekomme auch mit, dass immer mehr Grundschullehrer in ihren Klassenzimmern kleine Bibliotheken einrichten, um den Kindern eine Buchauswahl zu bieten. Aber ich sehe auch, dass viele den Unterschied zwischen Bibliothek und Buchhandlung nicht kennen und beim Wort „Buchvorstellung“ in Panik verfallen.

Müssen wir Kinder wirklich nur wieder häufiger zum Buch bringen? Oder müssen wir ihnen zuerst wieder beibringen, sich die Zeit zu nehmen, einen Text wirklich zu lesen?

LesekompetenzPisa-Studie
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